Benjamin Coulter
18.08.2026

Who am I to judge?

Die Redewendung „Who am I to judge?“ – „Wer bin ich, um zu richten?“ – enthält allzu oft die indirekte Aufforderung, dass auch du mich nicht richten sollst. Somit kommt es zu einem performativen Widerspruch: Ich sage, dass du mich –> und ich dich nicht richten soll, ohne zu merken, dass ich dich gerade mit dieser Aussage bereits dafür gerichtet habe, dass du angeblich mich gerichtet hast.


Das einfach so eine Beobachtung … Viel interessanter ist, wo diese Redewendung herkommt.


In Mt 7,1-2 steht:

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. 2 Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Das heisst nicht, dass wir keine Meinung dazu haben dürfen, ob etwas gut oder schlecht ist … und es bedeutet ganz sicher nicht, dass wir die Bibel dazu nicht zitieren dürfen. Wenn ich z. B. bekenne, dass Jesus grundsätzlich jede Ehescheidung nicht gut findet und die Bibel es nur deshalb regelt, weil wir Menschen böse sind (vgl. Mk 10,5–9), dann richte nicht ich.


Wenn ich aber über jemanden urteile, dass er oder sie falsch gehandelt habe, weil er oder sie sich scheiden liess, dann wird es gefährlich – und zwar für mich.


Wenn sich jemand scheiden lässt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Gründe dafür gibt, die ich nicht kenne, bei 100 %.
Deshalb warnt uns Jesus, dass es nicht gut für uns ist, andere zu richten.


Stell dir vor:
Du hast einen Arbeitskollegen, der dich hasst. Er hat häufig unberechtigte Wutausbrüche. In seinem Zorn hat er dir schon mehrfach gedroht, dich umzubringen, und dich auch schon mehrfach absichtlich in wirklich gefährliche Situationen gebracht, in denen du tatsächlich hättest sterben können (diese Schilderung ist absichtlich etwas überspitzt).
Als Reaktion darauf kündigst du deine Arbeit.
Durch deine Kündigung kommt es zu einer Neustrukturierung der Firma. Einem anderen Arbeitskollegen muss deshalb gekündigt werden. Dieser erholt sich nicht davon, bleibt arbeitslos und fällt in ein tiefes Loch. Dadurch wächst sein Sohn in Armut und weitgehend ohne Vater auf, kommt früh mit Kriminalität in Kontakt und fügt später anderen grosses Leid zu.


Nun bist du beim letzten Gericht, du stehst vor Jesus, und er erzählt dir von all diesem Leid. Er sagt dir, dass deine Kündigung zum Teil dazu beigetragen hat und er dich für diesen Teil bestrafen muss.


Du verstehst die Welt nicht mehr:
„Das ist doch nicht gerecht! Das ist doch nicht meine Schuld! Ich hatte gar keine andere Wahl. Ich musste kündigen. Ich wurde bedroht!“


Jesus antwortet:
„Was du sagst, stimmt. Aber das kann ich nicht berücksichtigen, denn all das trifft auch auf deinen Nachbarn zu, den du dafür verurteilt hast, dass er sich scheiden liess.
Ich messe dich mit dem Mass, mit dem du gemessen hast, und danach muss ich dich schuldig sprechen.“


„Das wusste ich nicht“, versuchst du dich zu rechtfertigen.
„Genau“, antwortet Jesus. „Das wusstest du nicht. Deshalb habe ich dich ja gewarnt, dass du nicht richten sollst.“


---

Dieser Vergleich hält nicht ganz stand. Aber das ist absichtlich so.
Es ist ein Test für dich selbst.


Denn dieser Vergleich kann nur zwei Reaktionen auslösen.
Entweder demütige Reue für all die Situationen, in denen ich – möglicherweise unwissend – andere zu Unrecht verurteilt habe.
Oder ich kann mich darauf berufen, dass eine Kündigung und eine Scheidung aus vielen Gründen nicht miteinander verglichen werden können.


Welches von beiden hat es bei dir ausgelöst?