Vor etwa 15 Jahren kaufte ich eine schöne Lederjacke. Ich fand sie bei einem Reststückverkauf in Zürich und rechnete damit, dass der Verkäufer sie mir als etwas Besseres verkaufen wollte, als sie tatsächlich war. Aber sie gefiel mir gut, war aus echtem Leder, und dafür hatte ich sicher nicht zu viel bezahlt.

Es war ein schöner Herbsttag. Das leichte Leder lag angenehm auf meiner Haut, brach den Wind und war doch nicht zu warm. Fröhlich schlenderte ich noch etwas durch die Stadt.
Dabei spürte ich plötzlich viele Blicke auf mir. Menschen drehten sich um und schauten mir nach. Jemand sagte mir beim Vorbeilaufen: «You're a very lucky man, you're a very lucky man!»
„Ja, ich bin schon ziemlich glücklich“, dachte ich, „aber wieso sagt er das?“
Als ich mich auf eine Parkbank setzte, kam ein Mann auf mich zu. Er war etwas zu interessiert daran, mit mir zu sprechen. Irgendwie offen und doch verklemmt. Er machte viele indirekte Andeutungen, versuchte, mir ein Kompliment für meine neue Jacke zu machen, wollte wahrscheinlich fragen, wie viel ich dafür bezahlt hatte, und offenbarte mir stattdessen ungefragt, wie viel er für seine bezahlt hatte.
Zu dieser Zeit war ich Student, lebte hauptsächlich von Ersparnissen, und die Zahl, die er mir nannte, war in etwa ein Drittel von meinem Jahresbudgets.
Ich dachte: Oha … also, ich finde meine Jacke deutlich schöner als seine. Aber wenn die Menschen denken, dass ich so teure Kleider trage, erklärt das, wieso mich alle anstarren. Sie wissen nicht, ob sie mich dafür bewundern, beneiden oder verachten wollen.
Weiter erklärte mir dieser Mann, dass der hohe Preis nicht so ein Problem sei. Schliesslich sei es seine Berufsbekleidung und er könne sie von den Steuern abziehen.
Langsam dämmerte mir, dass er mir damit indirekt erklären wollte, dass sein mysteriöser Beruf legitim sei, insofern er ja Steuern bezahle.
Gleichzeitig wurde mir bewusst, wieso er überhaupt mit mir sprach. Er wollte herausfinden, ob er mit mir ins Geschäft kommen kann. Und eigentlich gab es nur eine Art von Geschäft, die zu seinem quirligen Auftreten passte.
Entweder hoffte er, dass er mir Frauen anbieten könnte, oder er hoffte, dass ich ihm Frauen zur Prostitution verkaufen könnte. Auf jeden Fall hatte ich keinen Zweifel mehr daran, dass ich mit einem Zuhälter sprach …
Wie hättest du reagiert?
In meinem evangelistischen Herzen liegt noch etwas Bedauern: Es wäre doch toll gewesen, wenn ich die Gelegenheit ergriffen hätte, wenn ich ihm von Jesus erzählt hätte, wenn ich ihm erklärt hätte, wie Jesus ihm ein neues Leben gibt, wenn er ihm nachfolgt, und was für ein grosser Segen das für ihn und viele andere wäre …
Aber ich habe ganz anders reagiert. Ich habe gar nicht reagiert.
Vielleicht kannst du dir vorstellen, wie unwohl ich mich plötzlich fühlte.
Wie mich dieser Mann nur noch anwiderte.
Wie unangenehm mir die Blicke wurden von all den Menschen, die mir immer noch nachschauten.
Wie mulmig es mir wurde, mit diesem Mann zusammen gesehen zu werden.
Wie ungemütlich sich meine Lederjacke plötzlich anfühlte.
So müssen sich die ersten Jünger von Jesus – Simon, Andreas, Jakobus und Johannes – gefühlt haben, als sie von den damaligen Theologen gefragt wurden, wieso sie und vor allem ihr Rabbi sich mit den verachteten Sündern abgaben.
Sie hatten keine Antwort.
Doch Jesus erklärte darauf scharf:
Die Gesunden brauchen keinen Arzt – wohl aber die Kranken. Ich bin gekommen, um Sünder zu rufen, nicht Menschen, die sich schon für gut genug halten.« (Mk 2,17)
Wozu ruft Jesus dich: aus der Sünde heraus – oder dazu, mit ihm diejenigen zu besuchen, die tief darin verstrickt sind? Oder zu beidem?
Nachtrag:
Eine herausfordernde Predigt zu dieser Bibelstelle habe ich am 19. Juli gehalten.
siehe: «Jesus und das Gesindel» (Mk2,13-20) auf https://www.youtube.com/watch?v=BoCUme08swY