Wenn Stricke reisen

Stricke reisen

15 Leute, 2 Hausboote, 1 Woche auf dem Lake Powell. Ein See mit tausenden langgezogenen Buchten im knallroten Gestein von Utah. Überwältigt von der schönen Natur, übersättigt von leckerem Essen, verwöhnt von den besten Margaritas und Martinis die ich je schmeckte. Ein Feuer am Ufer und gute Gespräche während es eindunkelte und wir den glasklaren Sternenhimmel bestaunten.

Und dann, einen Knall!

Ein Ankerungsseil ist gerissen.
Wenn wir anlegten, banden wir jeweils die beiden Boote zusammen und legten links und rechts einen Anker. Weil es an diesem Abend etwas mehr Wind hatte, legten wir auf der Wetterseite zwei. Zum Glück, sonst hätte es uns gekehrt und sehr wahrscheinlich gegen die Felswände geschmettert.
So schnell wir konnten, legten wir so viele Anker, wie wir irgendwie befestigen konnten und bemühten uns, alle Stricke möglichst gleichmässig zu spannen.
Das war knapp! Der Wind wurde heftiger und hielt die ganze Nacht an.
Geschlafen hab ich so wenig wie alle anderen, aber dann sah ich im Halbschlaf zwei Engel, die unsere Boote hielten.

War das Wunschdenken oder eine Vision? Ich wusste es nicht.
Zu Gott sagte ich: „Nein, das nehme ich nicht an, denn falls wir dennoch kentern, könnte ich nicht mehr an die Kraft deiner Engel glauben.“
Stattdessen suchte ich meinen Pass und mein Portmonee zusammen und legte sie neben meine Schwimmweste. Regelmässig stand ich auf und zählte: eins, zwei, … fünf … jop alle Anker liegen noch fest. Die ganze Nach hindurch hielten sie uns, oder waren es doch die beiden Engel?

Auf jeden Fall haben wir Bewahrung erlebt. Hätten wir nicht von Anfang an einen zusätzlichen Anker gelegt oder wäre der Eine nur wenig später gerissen, so hätten wir keine Möglichkeit mehr gehabt, die Boote sturmfest zu sichern.

Soeben hab ich den Zug verpasst.

ZeitEine junge Frau, vielleicht 20 Jahre alt, lief mir mit hoher Geschwindigkeit entgegen. Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck wannte sie sich, einem Mann zu, beim Vorbeigehen hörte ich, dass sie ihn nach Geld bat und ich war froh, dass sie mit ihm sprach und somit nicht mit mir. Aber da hab ich die Rechnung ohne meinen Gott gemacht. Mir wurde klar, was Gott von mir möchte. Ich wannte mich um, sie aber war schon weit weg. Ich suchte sie und enteckte sie aus der Ferne. Wie ein Wiesel raste sie von einer Person zur nächsten. Irgendwann holte ich sie ein und fragte sie, was sie braucht. Sie bat mich nach einem Franken – ich gab ihr 20.-. Sie erzählte, dass sie Fieber hat und ich fragte, ob sie einen Ort zum schlaffen habe. Ihre Augen leuchteten auf und sie erzähle wie sehr sie sich freue seit Kurzem wieder eine Unterkunft zu haben und entschuldigte sich sogleich. Sie wolle mich nicht voll quasseln. Sie fühle sich so allein und erzähle halt jedem der ihr zuhört. Erst dann schien sie zu realisieren, wie viel Geld ich ihr gegeben habe. Wollte wissen, ob das wirklich geht, und versuchte mir die 4 Franken zu geben, die sie schon hatte. Sie bedankte sich nicht direkt für das Geld aber sehr herzlich dafür, dass ich sie angesprochen habe. Ich verabschiedete mich ziemlich knapp und rannte auf den Zug, welcher ich dann doch verpasst habe.
Jetzt wurde mir klar: Die 2 Minuten Aufmerksamkeit, die ich ihr gegeben habe, waren ihr mehr wert als die 20.- Franken.

Wieso – frage ich mich – sitze ich auf diesem Perron, wenn ich genau so gut mit dieser verzweifelten Frau sprechen könnte? Aber dafür ist es jetzt zu spät, der Zug kommt, ich steig ein und danke Gott, dass er mein Herz bewegt.